Normal in Afrika

von J. F.

 

Es ist kalt hier. Neblig, ein wenig regnerisch, ungemütlich.

Übermüdete Menschen auf den Straßen und Bahnsteigen, die zur Arbeit hasten. Der Duft von mehr als 20 verschiedenen Brötchensorten strömt aus den Bäckereien und Coffee-Shops und lässt mich mein reichhaltiges Frühstück fast vergessen.

Ein ganz normaler Tag im November.

Ein ganz normaler Tag im November, in Deutschland vielleicht.

Lasst mich ein wenig von anderen Tagen erzählen, die ich so ganz anders erlebt habe, die aber trotzdem normal waren, normal in Afrika!

Neun Monate des letzten Jahres habe ich in Dondo, Mosambik, gelebt und niemals gefroren, niemals eine U-Bahn gesehen und niemals eine Schul-Cafeteria, die Müsli und Spaghetti Bolognese anbietet. Statt dessen habe ich jeden Tag den landestypischen Maisbrei oder Reis gegessen, ich saß mit 20 anderen Menschen in einem Kleinbus, der in Deutschland für neun Personen zugelassen wäre und ich habe jeden Tag – egal ob Regenzeit oder nicht – geschwitzt.

Mir ist völlig klar, dass es lächerlich ist, zu glauben, ich könnte Euch in fünf Minuten erzählen, wie und was in Afrika vor sich geht. Aber vielleicht reichen diese paar Minuten aus, um wie durch ein Schaufenster einen ganz kurzen Blick auf diese völlig andere Welt zu werfen.

Denn obwohl man mit dem Flugzeug und dem Bus in zwölf Stunden dort sein kann, ist es eine andere Welt, die sich mit der unsrigen nur schwer vergleichen lässt.

Da ist zum Beispiel Beneditto, ein Freund von mir, den ich in Dondo kennenlernen durfte. Er hat seine Eltern verloren (wahrscheinlich sind sie an Aids gestorben) und auch sonst keine Verwandten, die in der Nähe wohnen. Nur eine jüngere Schwester noch, auf die er aufpassen und die er mitversorgen muss! Ein solches Schicksal ist überall auf der Welt schlimm und traurig, aber im Gegensatz zu unserem deutschen Staat bezahlt der mosambikanische kein Geld für ihn.

Beneditto bekommt keine Essensmarken oder Klamottengutscheine geschenkt, sondern er geht jeden Tag nach der Schule arbeiten. Nur reicht dieses Geld oft nicht: Er wohnt in einer kleinen Lehmhütte hinter den Bahngleisen, sein Haus hat keinen Strom- oder Wasseranschluss, und schon oft wurden er und seine Schwester nachts überfallen und haben all ihre Kleidung verloren, weil diese Gegend so unsicher ist.

Vielleicht habt Ihr so einen Bericht schon mal gehört und ihn nicht so richtig glauben wollen. Vielleicht wollt ihr es auch jetzt nicht. Weil wir aus dem luxuriösen Deutschland dann evtl. ein schlechtes Gewissen bekommen. Weil es ungemütlich ist, darüber nachzudenken, dass wir täglich Brot wegschmeißen und uns riesig ärgern, wenn die S-Bahn Verspätung hat, und sehr viel mehr Menschen in Afrika täglich sterben, weil ihre kümmerlichen Brotreste nicht mehr ausreichen und sie mal eben 2 Tage darauf warten, dass ihr Zug kommt.

Beeindruckt hat mich immer wieder die Fröhlichkeit, die viele Menschen dort trotz ihrer schwierigen Lebensumstände an den Tag legen. Noch nie in meinem Leben habe ich so viele lachende und tanzende Menschen gesehen.

Und das ist ein Punkt, an dem wir von den Afrikanern lernen können. Ich habe nämlich leider keine Lösung für das Problem des Hungers und der Armut auf dieser Welt. Und Ihr wahrscheinlich auch nicht. Aber ich glaube, dass wir die Welt auch ohne einen solchen perfekten Plan ein Stück besser machen können, indem wir um die Situation vieler Afrikaner wissen und Anteil nehmen und unsere eigene Situation endlich wertschätzen und fröhlich annehmen.

Wenn Ihr das nächste Mal in der Kälte auf die S-Bahn wartet, könnt Ihr es ja mal ausprobieren.

 

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